SCHATZKÄSTCHEN

Alle, die Überraschungen lieben, finden auf dieser Seite einen neuen Text, eine neue Arbeit oder Ideen, an denen ich gerade spinne oder Schätze, die aus dem Haus gehen wollen.

 

Die 12 Lichttage des Sommers

 

Einmal, als die Sommerfrau mit ihrem Gefolge im weiten Land Einzug hielt,

begleiteten sie 12 Weise Frauen.

Eine jede trug ihren besonderen Schatz mit sich, den sie gut hütete.

Und da die Sommerfrau gütig und klug war, schenkte sie jeder Frau einen Tag,

um ihren Schatz aus zu packen und zu zeigen.

Und damit jede Person im Reich die Schätze sehen könnte, sollten die Schätze

auf den Sonnenberg getragen werden.

Und damit Zeit genug dafür wäre, hielt Frau Sommer die Zeit für 12 Tage an, so

dass alle in ihrem Reich stundenlang mit diesem Zug der großen Segensgaben

ziehen könnten.

So geschah es!

Die erste zog unter ihrem Umgang eine goldene Kugel hervor - rund wie ein Ball, leuchtend wie Gold und wärmer als ein Herdfeuer. Diese trug sie den Berg hinauf und schenkte damit dem Land goldenes Licht, welches nicht enden wollte.

Dann trat die zweite hervor und öffnete ihren Mund, aus dem tausend und abertausende von Bienen heraus schwärmten und die sie mit Honigliedern hinauf begleiteten.

Die dritte hob ihren Schleier und dort, wo ihr Blick hinfiel, wuchsen die schönsten Sommerblumen: Sonnenhut und Mädesüß, Johanniskraut und Scharfgarbe, Rosen und Königinnenkerzen und vieles mehr. Der Weg zum Berg ward geschmückt mit den buntesten Farben.

Dann nahm die vierte ihren Weg auf und mit ihr zogen die Elfen und Feen in lichten Gewändern. Viele Leute konnte sie gar nicht erkennen, aber es wurde ihnen so leicht ums Herz, als das lichte Volk vorbei schwebten. Und sie glaubten ein helles Lachen zu hören.

Die fünfte brachte einen Korb voller roter Früchte mit, der sich gar nicht leeren wollte, so viel sie auch austeilte.

Nun kam die sechste mit ihren Baumfreundinnen, die majestätisch dem Berg entgegen schritten. Sie brachten Schatten, Kühle und frische Luft mit. Auch die Linde zeigte sich in ihrem Blütenkleid. Da jubelten viele und wurden trunken von ihrem Duft.

Die Siebte ließ die Vögel des Himmels tanzen und kreisend um sich selbst setzte sie ihre Schritte vom Vogelgezwitscher getragen den Berg hinauf.

Alles, was mit Langsamkeit zu tun hat, war der Schatz der Achten. Sie brauchte sehr lange für den Weg zum Gipfel, denn sie machte immer wieder Pausen. Manchmal fiel sie in tiefe Betrachtungen des Lebens, auch einem kurzen Schläfchen gegenüber war sie nicht abgeneigt.

Und so wurde sie von der neunten überholt, die mit einem Trinkschlauch voll frischem Quellwasser den Berg hinaufstieg. Auch sie konnte viele mit ihrem Nass erfrischen, ohne dass das Wasser je versiegte.

Was die letzten drei noch den Berg hinauftrugen, war nicht so recht zu erkennen. Es waren die großen Geheimnisse des Lebens, die von Anfang, dem Ende und der Mitte oder von Geburt, dem Leben selbst und dem Tod erzählten. Sie waren in Tücher eingehüllt, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz.

Kaum war die letzte in ihren dunklen Gewänder oben angekommen, da warf die erste Weise ihre goldene Kugel dem Himmel entgegen und genau da verband sich die Zeit wieder mit dem Sommer und begann den langsamen Abstieg dem Herbst entgegen.

Und alle, die dabei gewesen waren, sollten die Fülle dieser Tage nie vergessen. Manchmal ziehen sie auf den Sonnenberg, um sich besser zu erinnern.


Andrea Michel, Juni 2019

 

Diese 12 Tage entsprechen den Rauhnächten nach der Wintersonnenwende und können gleichermaßen genutzt werden, sich dem zu widmen, was erhellt und beleuchtet werden kann. Vor allem sollte es eine Zeit sein, in dem die Zeit langsamer läuft und groß werden kann.